
Santo Domingo. Kaum grösser als ein Streichholz und nahezu durchsichtig: Glasaale, in der Dominikanischen Republik und Haiti als Angulasbekannt, gehören zu den wertvollsten Fischereiprodukten der Welt. Auf dem internationalen Markt werden laut Berichten Preise von bis zu 5.000 US-Dollar pro Kilogramm erzielt. Ein aktueller UN-Bericht bringt nun auch dominikanische Bootsbesitzer mit Schmuggelnetzwerken in Haiti in Verbindung.
Doch das Geschäft beginnt nicht in Asien, sondern an den Flussmündungen der Karibik.
Nächtlicher Goldrausch an dominikanischen und haitianischen Küsten
Entlang der Nord- und Nordostküste der Dominikanischen Republik hat die Glasaalfischerei in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom ausgelöst. In Orten wie Nagua, Las Terrenas oder El Portillo versammeln sich während der Saison von Oktober bis Februar jede Nacht Hunderte Fischer an Flussmündungen, um die winzigen Jungaale zu fangen.
Mit Stirnlampen, feinmaschigen Netzen und oft einfachen Hilfsmitteln stehen sie stundenlang im Wasser. Aufkäufer warten direkt am Strand mit Waagen, Kühlboxen und Bargeld. Zeitweise wurden laut Medienberichten bis zu 250.000 Dominikanische Pesos pro Kilogramm bezahlt.
Für viele Familien ist die Angula heute eine wichtige Einnahmequelle. Fischer berichten von Erlösen zwischen 2.000 und 25.000 Pesos pro Nacht, je nach Fang und Saison.
Eine faszinierende Reise aus dem Sargassomeer
Bei den gefangenen Tieren handelt es sich überwiegend um die Amerikanische Flussaalart (Anguilla rostrata).
Lange galt die Fortpflanzung dieser Art als wissenschaftliches Rätsel. Heute weiss man, dass die erwachsenen Aale nach oft mehr als 20 Jahren in Flüssen und Seen zum Sargassomeer im Atlantik zurückkehren. Dort laichen sie und sterben anschliessend.
Die Larven treiben mit den Meeresströmungen zurück in Richtung amerikanischer Küsten. Als durchsichtige Glasaale erreichen sie schliesslich die Mündungen von Flüssen zwischen Kanada und Brasilien. Genau in diesem Entwicklungsstadium werden sie von Fischern gefangen.
Warum zahlt Asien solche Preise?
Vor allem in Japan, China, Südkorea und Taiwan sind Aale eine begehrte Delikatesse. Besonders in Japan besitzt gegrillter Aal (Unagi) einen hohen kulturellen Stellenwert und gilt traditionell als kräftigende Speise. Gleichzeitig wächst der Bedarf der asiatischen Aquakulturindustrie seit Jahren.
Oft werden Aalen besondere gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben. Wissenschaftlich bestätigt sind vor allem ihr hoher Gehalt an Proteinen, Omega-3-Fettsäuren sowie verschiedenen Vitaminen. Wundermittel sind sie jedoch nicht.
Warum werden überhaupt Wildtiere gefangen?

Der entscheidende Punkt: Die industrielle Zucht von Aalen ist bis heute kompliziert und teuer. Zwar wurden in Japan Fortschritte bei der künstlichen Vermehrung erzielt, für die kommerzielle Produktion stammen die meisten Jungtiere jedoch weiterhin aus Wildfängen. Deshalb sind Glasaale weltweit begehrt und entsprechend teuer.
Von Haiti nach Asien
Laut dem jüngsten Bericht der Vereinten Nationen werden Glasaale in Haiti an zahlreichen Flussmündungen entlang der Atlantik- und Karibikküste gefangen. Danach gelangen sie über Zwischenhändler und Exporteure zu Aquakulturbetrieben in Asien.
Der UN-Bericht beschreibt ausserdem Schmuggelrouten, die nach Einschränkungen des Flugverkehrs verstärkt über den Seeweg genutzt wurden. Dabei sollen auch dominikanische Privatboote für den Transport der lebenden Jungaale eingesetzt worden sein.
Die Tiere werden während des Transports mit Sauerstoff versorgt und lebend zu Zuchtanlagen in China, Japan oder Südkorea gebracht, wo sie bis zur Marktgrösse heranwachsen.
Kommentar
Die Geschichte der Angula zeigt beispielhaft die Schattenseiten der Globalisierung. Während Fischer in Nagua, Las Terrenas oder auf haitianischer Seite oft nur einen Bruchteil des Endpreises erhalten, verdienen Zwischenhändler und internationale Handelsnetzwerke Millionen.
Gleichzeitig stellt sich die Frage nach der Nachhaltigkeit. Die Amerikanische, Europäische und Japanische Aalart stehen auf den Beobachtungslisten von Naturschutzorganisationen. Solange die Aquakultur auf Wildfänge angewiesen bleibt und die Nachfrage in Asien hoch ist, dürfte der Druck auf die natürlichen Bestände weiter steigen.
Für die Fischer an der Karibikküste bleibt die Angula vorerst, was viele sie längst nennen: das transparente Gold der Karibik.