
Diesen Monat hatte der Präsident eine Erleuchtung: In diesem wunderschönen Land gehe es mitunter etwas bürokratisch zu. Eine kühne These, auf die bisher offenbar niemand gekommen war. Das bremse das Wirtschaftswachstum und schrecke Investoren ab. Die Lösung: Firmengründung in 24 Stunden! ONAPI, Mercantil und DGII sollen zu einem einzigen Formular verschmelzen. Ausfüllen, abschicken, Unternehmer sein. Man ist gerührt.
Wer länger hier lebt, kennt solche Visionen. Erinnern wir uns an die Einreisezettelchen, das blaue und das weiße, die jeden Check-in zur meditativen Übung machten. Dann kam die Revolution: das E-Ticket. Online ausfüllen, Zoll, Gesundheit, Meldeformular, alles in einem Rutsch. Aus Kulanz durfte man trotzdem noch monatelang die Zettelchen ausfüllen. Und diese Kulanz war bitter nötig, denn das System hatte so seine Eigenheiten. Bei einer Reise musste ich nicht nur den Flughafen angeben, über den ich ausreise, sondern auch gleich den Seehafen. Ich verlasse das Land also gleichzeitig per Flugzeug und per Schiff. Quantenphysik, made in RD. So etwas kann man sich nicht ausdenken. Man muss es programmieren.
Zurück zur Firma. Ich befinde mich inzwischen im dritten Monat meiner 24-Stunden-Gründung.
Station eins: ONAPI. Namen prüfen und eintragen, das ging erfreulich zügig. Eine Woche später die Ergänzung: Der Name müsse zusätzlich als Marke eingetragen werden. Gegen eine weitere Gebühr, versteht sich. Spannender wurde die Frage, was meine Firma eigentlich tut. Meine Idee gibt es so noch nicht, also gibt es auch keine Kategorie dafür. Innovation ist hier kein Vorteil, sondern ein Verwaltungsproblem. Man wählt eben etwas „Ähnliches“. Flexibilität ist alles.
Station zwei: das Geschäftskonto. Ordentlich, wie man ist, will man Privates und Geschäftliches trennen, schon wegen der späteren Steuernummer. Also zur Banco Popular, der Nummer eins des Landes. Dort erfährt man: Ein Konto gibt es erst, wenn Mercantil die Eintragung der Firma bestätigt. Bei Mercantil erfährt man: Eingetragen wird erst, wenn ein Bankkonto existiert. Ein perfekter Kreis. Ich frage mich bis heute, ob ich der erste Mensch bin, der in diesem Land eine Firma gründet. Statistisch unwahrscheinlich. Aber wer weiß.
Des Rätsels Lösung trägt hier einen schönen Namen: „Botellas“, Flaschen. So nennt man jene Platzhalter, die ihren Schreibtisch nicht der Ausbildung verdanken, sondern dem Wahlhelfer, der nach dem Sieg seines politischen Schützlings Freunde und Verwandte großzügig mit Posten versorgt. Fachwissen ist dabei eher hinderlich. Beziehungen genügen.
Nach „höflichem Nachdruck“ zeigte sich die Bank schließlich gnädig und stellte die Bescheinigung aus. Mercantil nahm alles entgegen. Zwei Tage später: Bitte abholen, das Bankschreiben sei fehlerhaft. Dort stehe nur die Summe der Einlage, aber keine Währung. Mein dezenter Hinweis, dass laut Gesetz ohnehin nur der Peso gilt, wurde mit einem Lächeln quittiert. Man könne ja auch Euro- und Dollarkonten führen. Also bitte. Neues Bankschreiben: diesmal mit Betrag, Währung und sicherheitshalber auch in Worten. Man lernt dazu.
Wieder nach La Vega. Neuer Befund: Beim Firmennamen fehle die Rechtsform. Na gut. Das Formular darf ohnehin nur am Computer ausgefüllt werden, handschriftlich ist streng verboten. Also schicke ich es per E-Mail, mit der freundlichen Bitte: Ist es so korrekt? Nach neun Tagen Funkstille habe ich es ausgedruckt und wieder persönlich hingefahren. Die E-Mails hatte niemand gelesen. Verständlich. Der Bürocomputer kann ja auch Facebook, und das ist eindeutig unterhaltsamer als ein Postfach.
Dann, nur zwei Tage später, die frohe Botschaft: Unterlagen abholbereit, die Eintragung kam sogar vorab als PDF. Endlich!
Man liest so ein Dokument natürlich voller Stolz. Und genau dabei sollte man nicht aufhören. Laut Urkunde bin ich nämlich Dominikaner. Eine überraschende Einbürgerung für einen Deutschen. Fehler Nummer eins. Die E-Mail-Adresse ist auch falsch. Fehler Nummer zwei. Und dann das Glanzstück, sorgfältig gleich zweimal eingebaut, unter „Objeto social“ und unter „Principales productos y servicios“: DELACIÓN statt RELACIÓN.
Nur ein Buchstabe. Aber was für einer:
Relación: Beziehung, Zusammenhang.
Delación: Denunziation, Anzeige, Verpfeifen.
Meine Firma verpflichtet sich also offiziell, nicht die „Denunziation“ zwischen ihren Nutzern zu ersetzen. Beruhigend.
Drei Fehler in einem Dokument. Herzlichen Dank dafür.
Herr Präsident, ein bescheidener Vorschlag: Vielleicht liegt das Problem gar nicht in der Bürokratie. Vielleicht liegt es in der Besetzung der Schreibtische. Ausgebildetes Verwaltungspersonal statt verdienter Parteifreunde, und die Gründung ginge auch ohne neues Formular deutlich schneller. Es ist nicht die Bürokratie, die bremst. Es ist die Inkompetenz.
Und wenn die Firmengründung künftig tatsächlich online in 24 Stunden laufen soll: Bitte beauftragen Sie einen qualifizierten Programmierer. Sonst gründe ich am Ende meine Firma gleichzeitig am Flughafen und im Seehafen.
P.S.
Kleiner Nachtrag
Nachdem ich die Erfahrung gemacht habe, dass man Emails im Postfach unbeachtet lässt, habe ich im Büro der Handelskammer angerufen. Erster Einwand: Ich solle WhatsApp benutzen. Abgelehnt. WhatsApp ist nicht sicher, es wird alles mitgelesen, Daten werden von META ausgewertet und für Werbezwecke benutzt, das erlaube ich nicht.
Dann kam der Einwand: Ich müsse mit dem Dokument physisch vorbeikommen, es beanstanden. Mein Hinweis, dass ich das Dokument ja noch gar nicht physisch bekommen habe, es nur als PDF vorliegt, beeindruckte nicht. Soll ich es nun ausdrucken, das Dokument, welches Fehler hat? Soll ich das bei Listin Diario publizieren, um die Inkompetenz der Behörde zu zeigen?
Jetzt zog man den dominikanischen Joker. Die Schuld liege nicht bei dem Büro in La Vega, das Dokument kommt aus Santo Domingo. Na klar „No fui yo“ – lange nicht gehört. Statt einer Fahrt sind es dann 4 Fahrten, oder auch über 200 Kilometer, macht rund 6 Galonen Benzinverbrauch (x 350 RDS = rund 700 DOMINIKANISCHE PESOS, da wollen wir auch korrekte Angaben machen). Jede Fahrt bedeutet auch einen Zeitaufwand von rund 2 Stunden. Ein kompletter Arbeitstag. Und noch ist man nicht am Ende, ausser so langsam mit seinen Nerven.