
Lärmbelästigung zählt zu den wichtigsten Auslösern sozialer Konflikte in der Dominikanischen Republik
Generalstaatsanwältin Yeni Berenice Reynoso fordert Staatspakt gegen Gewalt und Kriminalität
San Francisco de Macorís – Lärmbelästigung, familiäre Konflikte, Alkoholmissbrauch und mangelnde Toleranz gehören nach Angaben der Generalstaatsanwältin Yeni Berenice Reynoso zu den wichtigsten Ursachen sozialer Gewalt in der Dominikanischen Republik. Beim ersten Regionalen Dialog für nachbarschaftliches Zusammenleben erklärte sie, dass ein großer Teil der Gewaltdelikte nicht unmittelbar auf organisierte Kriminalität zurückzuführen sei, sondern aus alltäglichen Konflikten innerhalb der Gesellschaft entstehe.
Die Veranstaltung wurde von der Zeitung Listín Diario im Rahmen der Initiativen des Observatoriums für Nachhaltigkeit und Regionale Entwicklung (OSDER) organisiert.
Mehr als 236.000 Fälle bei der Staatsanwaltschaft registriert
Reynoso stellte alarmierende Zahlen zur Gewaltentwicklung vor. Demnach registrierte die Generalstaatsanwaltschaft im Jahr 2025 insgesamt 236.783 Fälle (über 648 Fälle am Tag!). Davon standen 73.295 Verfahren im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischer Gewalt, häuslicher Gewalt und sexueller Gewalt. Hinzu kamen mehr als 26.000 Anzeigen wegen Morddrohungen.
Innerhalb der Gewaltstatistik entfielen:
- 52,57 Prozent auf häusliche Gewalt
- 34,55 Prozent auf geschlechtsspezifische Gewalt
- 12,88 Prozent auf sexuelle Gewalt
Nach Ansicht der Generalstaatsanwältin verdeutlichen diese Zahlen die zentrale Rolle familiärer und sozialer Konflikte bei der Entstehung von Gewalt.
56 Prozent der Tötungsdelikte hängen mit sozialen Konflikten zusammen
Besonders besorgniserregend sei, dass rund 56 Prozent der Tötungsdelikte auf Intoleranz, Alkoholkonsum, zwischenmenschliche Streitigkeiten und familiäre Konflikte zurückzuführen seien. Nach Angaben Reynosos stehen damit etwa sechs von zehn gewaltsamen Todesfällen in direktem Zusammenhang mit gesellschaftlichen Spannungen.
Die Dominikanische Republik weist derzeit eine Mordrate von etwa 7,4 Tötungsdelikten pro 100.000 Einwohner auf. Damit liegt das Land deutlich unter den Vergleichswerten von Costa Rica, Kolumbien und Ecuador. Dennoch sieht Reynoso Handlungsbedarf, da soziale Konflikte einen außergewöhnlich hohen Anteil an den Gewaltverbrechen ausmachen.
Über 91.000 Beschwerden wegen Lärmbelästigung
Ein zentrales Problem stellt laut den Daten des Notrufsystems 911 die Lärmbelästigung dar. Zwischen dem 1. Januar und dem 7. August gingen 91.423 Meldungen wegen Lärmbelästigungein (über 245 am Tag)
Besonders betroffen waren:
- Santo Domingo Oeste
- Distrito Nacional
- Santo Domingo Norte
- Boca Chica
- angrenzende Stadtgebiete
Mehr als 52 Prozent der Beschwerden wurden an Wochenenden registriert. Reynoso betonte, dass übermäßiger Lärm häufig Auslöser für Streitigkeiten, Aggressionen, Stress und andere Konfliktsituationen sei, die das Zusammenleben in den Gemeinden erheblich belasten.
Motorräder bleiben Sicherheitsproblem
Die Generalstaatsanwältin sprach sich zudem für eine strengere Regulierung von Motorrädern aus. Hintergrund sind mehrere besorgniserregende Statistiken:
- Über 70 Prozent der tödlichen Verkehrsunfälle betreffen Motorräder.
- Mehr als 80 Prozent der Raubüberfälle werden unter Einsatz von Motorrädern verübt.
- Motorräder gehören zu den am häufigsten gestohlenen Fahrzeugen des Landes.
Aus diesem Grund fordert Reynoso eine bessere Registrierung und Kontrolle der Fahrzeuge.
Gestohlene Mobiltelefone sollen unbrauchbar gemacht werden
Zur Bekämpfung des lukrativen Schwarzmarktes für gestohlene Mobiltelefone schlug Reynoso vor, dass Telekommunikationsunternehmen die Aktivierung gemeldeter Geräte dauerhaft blockieren. Dadurch würde der Wiederverkaufswert gestohlener Smartphones sinken und die Zahl entsprechender Diebstähle reduziert werden.
Verkehrsunfälle als bedeutende Ursache gewaltsamer Todesfälle
Jährlich werden in der Dominikanischen Republik mehr als 40.000 Verstöße gegen das Verkehrsgesetz registriert. Verkehrsunfälle zählen weiterhin zu den häufigsten Ursachen gewaltsamer Todesfälle. Besonders die Autopista Duarte gehört zu den Straßen mit einer hohen Zahl tödlicher Unfälle.
Prävention soll bereits in den Gemeinden beginnen
Reynoso machte deutlich, dass Gewalt nicht allein durch Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte bekämpft werden könne. Sie sprach sich für eine umfassende Präventionsstrategie aus, an der Nachbarschaftsvereine, Kirchen, Schulen, Universitäten, soziale Organisationen und Familien beteiligt werden sollen.
Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen gehören:
- Einführung eines Gesetzes für Bürger- und Nachbarschaftsordnung
- Strengere Regulierung von Motorrädern
- Sperrung gestohlener Mobiltelefone
- Soziale Betreuung von Schulabbrechern
- Aufbau einer einheitlichen nationalen Sicherheitsdatenbank
- Intensivere Zusammenarbeit zwischen Familien und Bildungseinrichtungen
Bildung als Schlüssel zur Gewaltprävention
Die Generalstaatsanwältin bezeichnete Bildung als die wichtigste Kraft zur positiven gesellschaftlichen Entwicklung. Schulen müssten wieder stärker mit Familien und Gemeinden zusammenarbeiten. Besonderes Augenmerk solle auf Jugendliche gelegt werden, die das Bildungssystem verlassen, da Schulabbrüche das Risiko von Armut, Kriminalität und sozialer Ausgrenzung erhöhen.
Regionaldialog bringt Lösung für 82 Kinder ohne Schulplatz
Am Rande der Veranstaltung wurde zudem eine Übergangslösung für 82 Kinder mit Behinderungen gefunden, die keinen Platz im Pädagogischen Rehabilitationszentrum (LARPE) erhalten hatten.
Der Ombudsmann Pablo Ulloa und Senator Franklin Romero vermittelten die Nutzung einer Immobilie, damit die betroffenen Kinder vorübergehend am Unterricht teilnehmen können. Langfristig fordern Eltern und Verantwortliche weiterhin den Bau einer neuen Modellschule, da die bestehende Einrichtung für 180 Schüler ausgelegt ist, die tatsächliche Nachfrage jedoch bei 262 Kindern liegt.
Staatspakt gegen Gewalt gefordert
Abschließend erneuerte Reynoso ihren Aufruf zu einem nationalen Staatspakt gegen Gewalt und Kriminalität. Nur durch die gemeinsame Zusammenarbeit von Regierung, Staatsanwaltschaft, Polizei, Bildungseinrichtungen, Kirchen, Gemeinden und Zivilgesellschaft könne verhindert werden, dass alltägliche Konflikte in tragische Gewalttaten münden. (Listin Diario – DRT)
